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Verständlichkeitstest: Miese Deutschnoten für NRW-Wahlprogramme

04.05.2010

Dr. Anikar Haseloff

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Am unverständlichsten formuliere die FDP: Ihr Wahlprogramm in NRW sei etwa so leicht verdaulich wie eine politikwissenschaftlichen Doktorarbeit. Doch auch die anderen Parteien verprellen Leser mit komplizierten Schachtelsätzen, Insider-Begriffen und Fremdwörtern. Zu diesem Ergebnis kommt ein Verständlichkeitstest von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Hohenheim und des CommunicationLab Ulm.

Was bitte sind „kooperative Versorgungsstrukturen“ (CDU)? Was bedeutet „doppisches Haushaltswesen“ (FDP), „Konnexitätsprinzip“ (SPD, Grüne), „Sequestrierung“ (Grüne) oder „korruptive Sachverhalte“ (Linke)? Was vielen Bürgern an Politik unverständlich und intransparent vorkommt, kann Prof. Dr. Frank Brettschneider vom Lehrstuhl Kommunikationswissenschaft insb. Kommunikationstheorie an der Universität Hohenheim, in genauen Zahlen ausdrücken.

In einem Forschungsprojekt hat er gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Hohenheim und des Instituts CommunicationLab die formale Verständlichkeit der Wahlprogramme der CDU, der SPD, der FDP, der Grünen und der Links-Partei für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen untersucht.
Dabei forsteten die Wissenschaftler unter anderem nach Satz-Ungetümen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und Schachtelsätzen. Anhand dieser Merkmale bildeten sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Er reicht von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich).


Fachsprache und Fremdwörter zuhauf

„Bei sämtlichen Parteien finden sich Verstöße gegen grundlegende Verständlichkeitsregeln“, urteilt Prof. Dr. Frank Brettschneider. „Der Jargon aus Fremdwörter und Fachbegriffe macht die Wahlprogramme für viele Bürgerinnen und Bürger unverständlich. Die Wortwahl ist meist das Ergebnis von innerparteilichen Expertenrunden. Sie verwenden ihre von Bürokratismen durchzogene Fachsprache. An den Bedürfnissen der Leserinnen und Leser, die sich nicht tagtäglich mit diesen Themen beschäftigen, schreiben sie vorbei.“ Auch die Verwendung von Anglizismen erschwere das Verständnis – zumindest für einige Wählergruppen. „Equalpay“ (SPD) und „Repowering“ (SPD), „Shared Services“ (FDP), „Open Access-Modelle“ (CDU) und „Cross¬Border-Leasing“ (Linke) seien nur zur verstehen, wenn man den Bürgern entsprechende „Coachingangebote“ (Grüne) unterbreite, so der Kommunikationsexperte.

Bandwurmsätze und Unklarheiten

„Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis – vor allem für Wenig-Leser“, sagt Prof. Dr. Brettschneider. Dennoch fanden die Hohenheimer Forscher bei allen Parteien überlange Sätze mit bis zu 69 Wörtern. Die FDP sei der Meister der Bandwurmsätze. Im Durchschnitt bestehe hier ein Satz aus 17,7 Wörtern. Die kürzesten Sätze lieferte hingegen die SPD (im Schnitt 14,1 Wörter). Nicht immer werde sofort klar, was die Parteien eigentlich fordern, kritisierten die Kommunikationswissenschaftler. Beispiele gefällig? „Um ein umfassendes Angebot an Ganztags- und Halbtagsschulen zu gewährleisten, wird der Ganztag flexibilisiert.“ (FDP). Oder: „Ziel der öffentlichen Beschaffung soll es sein, Benchmarks zu setzen, an denen sich Unternehmen und Haushalte orientieren können.“ (Grüne).

Hintergrund: Automatische Textanalyse Möglich werden diese Analysen durch die vom CommunicationLab Ulm und von der Universität Hohenheim ent¬wickel¬te Verständlichkeitssoftware TextLab. Diese Software berechnet verschiedene Les¬bar¬keits¬for-meln sowie Textfaktoren, die für die Verständlichkeit relevant sind (z.B. Satzlängen, Wortlängen, Schachtelsätze und den Anteil abstrakter Wörter). Aus diesen Werten setzt sich der „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ zusammen, der die Verständlichkeit der Programme und Texte auf einer Skala von 0 (unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) abbildet.