Studie: Koalitionsvertrag 2013 - Buchstabensuppe statt Klartext

02.12.2013

Dr. Anikar Haseloff

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Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim analysiert den Koalitionsvertrag von Union und SPD auf formale Verständlichkeit

Die Verfasser des Koalitionsvertrags machen der SPD-Basis die Entscheidung pro oder contra Große Koalition nicht einfach. Denn „der Vertrag ist von der Verständlichkeit her noch anspruchsvoller als eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit“, urteilt Prof. Dr. Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim. Sprachhürden seien Bandwurmsätze mit bis zu 86 Wörtern, Wortungetüme wie „Schnellreaktionsmechanismus“ oder Fachbegriffe wie „Thesaurierungsregelungen“. Dahinter könnte durchaus Kalkül stecken, so die Einschätzung des Wissenschaftlers. Sein Urteil bildete er aufgrund einer formalen Textanalyse, die sein Lehrstuhl zusammen mit dem Institut H&H Communication Lab durchführte.

„Die Verständlichkeit des Mammut-Werks lässt sehr zu wünschen übrig“, so Prof. Dr. Frank Brettschneider, Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. „Der Koalitionsvertrag ist zwar in erster Linie ein Fachtext. Geschrieben von Expertinnen/Experten für bestimmte Themengebiete – und geschrieben für Expertinnen/ Experten. Angesichts des Mitgliederentscheids der SPD sollte der Koalitionsvertrag aber nicht nur für Experten und Akademiker verständlich sein“.

„Verpasste Chance für mehr Transparenz und Bürgernähe“

Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Wissenschaftler um Prof. Dr. Brettschneider unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bilden sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“, der von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) reicht.

Der Koalitionsvertrag erreicht einen Wert von 3,48. Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erzielen durchschnittlich einen Wert von 4,7. Die Politik-Beiträge in der Bild-Zeitung liegen bei 16,8. Die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2013 erreichten einen Wert von 7,7. Das formal verständlichste Programm wurde von der CDU/CSU vorgelegt und kam auf einen Wert von 9,9.

„Die mangelnde Verständlichkeit des Koalitionsvertrags ist enttäuschend“, urteilt Prof. Dr. Brettschneider. „Denn alle Parteien haben sich Transparenz und Bürgernähe in den letzten Jahren verstärkt auf ihre Fahne geschrieben. Damit die Bürger eine begründete Bewertung des Koalitionsvertrags vornehmen können, sollten die Koalitionspartner ihre Absichten klar und verständlich darstellen.“

Kapitel über Europapolitik besonders unverständlich

Formal noch am verständlichsten ist die Präambel (7,56). Formal am unverständlichsten ist das Kapitel über Europa (1,96). Um dieses und die meisten anderen Kapitel zu verstehen, sei die Sprachkompetenz auf dem Niveau von Akademikern erforderlich.

Für die Unverständlichkeit kommen mehrere Gründe in Betracht: Zum einen ist der Koalitionsvertrag das Ergebnis von Expertenrunden. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Bürger ihr Fachchinesisch nicht versteht.

Zum anderen führen schwierige Kompromissbildungen zu relativierenden Schachtelsätzen. „Da kann dann jeder rein interpretieren, was er mag. Das erleichtert zwar den Kompromiss, sorgt aber nicht für Klarheit“.

Drittens sei nicht immer sicher, ob die Koalitionspartner wirklich verstanden werden wollen. „Immer wieder nutzen Parteien abstraktes Verwaltungsdeutsch auch, um unklare oder unpopuläre Positionen absichtlich zu verschleiern. Wir sprechen in diesem Fall von taktischer Unverständlichkeit“, sagt Prof. Dr. Brettschneider.

Verständlichkeitshürden schließen Leser aus

„Transphobie“, „Spitzenclusterwettbewerbe“, „Landesbasisfallwert“ oder „Interoperabilität“: Der Koalitionsvertrag enthält eine Vielzahl von Fremd- und Fachwörtern, die häufig ohne Erklärung im Text verwendet werden. Vor allem für Leser ohne politisches Fachwissen oder ohne akademische Ausbildung stellen diese eine große Verständlichkeitshürde dar.

Einen ähnlichen Effekt hätten Wortzusammensetzungen oder Nominalisierungen, so Prof. Dr. Brettschneider. Einfache Begriffe würden so zu regelrechten Wort-Ungetümen, wie z.B. „Methodenbewertungsverfahren“, „Arzneimitteltherapiesicherheit“ oder „Flächenneuinanspruchnahme“.

Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis – vor allem für Wenig-Leser. Sätze sollten möglichst nur jeweils eine Information vermitteln. Im Koalitionsvertrag sind Sätze über 30 und 40 Wörter jedoch keine Seltenheit.

Begriffsanalyse: „Deutschland“ ist das am häufigsten verwendete Wort

Begrifflich steht „Deutschland“ im Vordergrund des Koalitionsvertrags. Es folgen die Begriffe „stärken“, „Menschen“ und „müssen“ (siehe Wort-Wolke in der Präsentation).

Erwartungsgemäß weisen die einzelnen Kapitel – entsprechend ihrer inhaltlichen Schwerpunkte – begriffliche Besonderheiten auf: In der Präambel sind „Menschen“, „Deutschland“, „Land“ und „Europa“ die am häufigsten verwendeten Begriffe. In Kapitel 3 (Finanzen) stehen „Kommunen“, „Länder“, „Bund“ und „Euro“ begrifflich im Mittelpunkt. Und in Kapitel 7 (internationale Politik) werden „Deutschland“, „Bundeswehr“, „unterstützen“ und „Zusammenarbeit“ am häufigsten genannt. Wort-Wolken zu den einzelnen Kapiteln befinden sich in der Präsentation.  

Links zur Studie:

Homepage Universität Hohenheim

Blog Sprachlupe